Karls Knasttagebuch – Teil 1

Über Karl’s Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt Teil 1 – Kempten, den 21.01.19

Hallo ihr da draußen – Hallo Herr oder Frau Sicherheitsbeauftragte,

Danke für die erfüllte Verabschiedung vor ein paar Stunden. Besonders schön fand ich ganz persönlich die Synthese aus den Menschen aus Stuttgart, mit ihren „Sträflingsanzügen“, den Menschen aus meiner seit einem Jahr neuen Heimat, der Gemeinschaft Sulzbrunn, und meinem Sohn.

In mehreren Beiträgen wurde umrissen, warum wir vor dem Knastgebäude der Justizvollzugsanstalt standen. Ernest Petek, einem Mitstreiter aus Stuttgart für den Kopfbahnhof und für eine zukunftsbejahende, enkeltaugliche Politik, haben wir solidarische Grüße gesandt. Falls ihr ihm Schreiben wollt, die Adresse ist JVA Stuttgart-Stammheim, Aspergerstr. 60, 70439 Stuttgart. Er kommt wahrscheinlich am Freitag raus. Er ist seit 8 Tagen für insgesamt 14 Tage in der JVA Stuttgart-Stammheim, weil er vor der Einfahrt zur Baustelle zu S21 zwei Tieflader auf der Straße sitzend blockierte. Bei dieser Versammlung, ohne Versammlungsleiter und ohne Anmeldung, trafen sich auf der einen Seite die aktionsorientierten Menschen, die sich seit 10 Jahren fast täglich mit Aktionen, Demos und Apellen gegen S21 und der Zerstörung der Lebensgrundlage wenden; auf der anderen Seite aber auch Menschen, die den Weg für ein friedliches, soziales und ökologisches Zusammenleben suchen und ihre gewonnen Erkenntnisse auch nach außen wirksam machen wollen. Dieser Zusammenschluss ist für mich gerade besonders spannend, er wächst wie eine Pflanze und bringt in der Zukunft hoffentlich viele Früchte – dazu aber ein andermal mehr.

Getragen von der für mich sowohl auf politischer als auch persönlicher Ebene sehr stimmigen Versammlung vor den Betonmauern der JVA (natürlich mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand von 400m und Begleitung der Polizei – Mensch weiß ja nie!), ließ ich mich auf die Prozedur der Eingangsformalia ein: Entkleiden, komplett neues Einkleiden und dann die Zuweisung meiner eigenen One-Man-Suite. Das Einzelzimmer ist ca. 5m lang und 2m breit, mit Holzbett, Schreibtisch, Regal, Kleiderschrank und einer abgetrennten Klozelle. Fast wie ein Studentenzimmer, auf jeden Fall das Beste, das ich bisher kennengelernt habe. Der Blick ist so wie in vielen Knasträumen: eine riesen Wand mit Ziegelmuster. Wenn ich am Fenster um die Ecke schaue, kann ich tatsächlich einen Hauch von Bäumen und Natur erkennen.

Jetzt sitze ich nach dem Abendessen mit verschiedenen Sorten von Brot, ca. 250g Salami, die ich gleich weitergegeben habe, Margarine, Marmelade und Tee, in meinem Zimmer und schreibe den ersten Eintrag in mein Knasttagebuch. Die Tür ist offen, draußen laufen die Inhaftierten rum, meist gut gelaunt, manche duschen im gegenüberliegenden Duschraum. Gerade unterhalten sich die Inhaftierten draußen im Gang, wie das mit der Relation von Raum und Zeit so funktioniert – eigentlich eine sehr entspannte Atmosphäre. Halbschräg gegenüber wurde eine Küchenzeile eingerichtet, in der immer wieder mal jemand am Herd sein Abendessen kocht. Auch den ersten Arztbesuch, die Eingangsuntersuchung, habe ich schon hinter mir.

Die Besuchsregelung wurde mir ausgehändigt – mein Sohn Jannis (jannis.nie@gmail.com) wird das koordinieren. Ihr könnt euch gerne bei ihm melden. Auch den Antrag auf eine Paketmarke habe ich schon gestellt. Diese wird gebraucht um an ein Buch von außen zu kommen, da ich alle Bücher und Zeitschriften beim einchecken ablegen musste. Ich werde diese Marke nun an den Peter-Grohmann-Verlag nach Stuttgart schicken, der mir dann zwei Bücher zusenden darf. Das habe ich im Vorhinein schon abgeklärt. Ich bin dennoch gespannt, ob und wann das alles so klappt.

Eben wurde mir gesagt, dass meine Post über einen Sicherheitsbeauftragen geht, der das liest und kontrolliert. Habe ich so auch noch nie gehört, erinnert mich an andere Zeiten – mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, oder gibt es da mal wieder Ausnahmen? Oder wir sind eben einfach in Bayern. Rechtsstaatlich? Unrechtsstaatlich? Ich lass mich davon nicht einschüchtern und schreibe weiter das, was mir in den Sinn kommt. In diesem Sinne: Fortsetzung folgt.

Liebe Grüße,

Karl

P.S.: Falls ihr mir schreibt, legt doch bitte 2-3 Briefmarken je 70 Cent dazu, dann kann ich euch zurückschreiben.


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Ein Kommentar zu „Karls Knasttagebuch – Teil 1

  1. Lieber Karl,
    das mit dem Sicherheitsbeauftragten haben wir leider noch nicht gewusst, als wir Dir eine Karte schickten, sonst hätten wir ihn „namentlich“ angesprochen. Wir hatten auch nicht so viel Platz auf der Karte, um alle die aufzuzählen, die statt Dir für dieses Verbrechen S21 dort hin gehen müssten, wo Du jetzt bist. Auf der anderen Seite kann ich mir bei dem Einen oder der Anderen sogar noch vorstellen, dass sie sich geehrt fühlen, wenn sie auf der Liste erscheinen, also lassen wir es. Wir sagen Morgen erst mal wieder zum 450zigsten Mal öffentlich Nein zum größten Naturwissenschaftlich-technischen Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte und Dir wünsche ich: Halte durch in Deiner konsequenten und vorbildlichen Lebensweise!
    Herzliche Grüße
    Harald

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