Karls Knasttagebuch – Teil 2

Über Karl’s Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt Teil 2 – Kempten, den 23.01.19

Hallo ihr,

Nun bin ich schon zwei Tage hier in der JVA – der Tagesablauf wird schon beinahe zur Normalität: Morgens um 6 Uhr wird mensch mit einem Öffnen der Tür und einem „Guten Morgen“ geweckt. Wer keinen frischen Kaffee möchte, darf dann im Zimmer auch noch eine Stunde weiterschlafen. Da ich in Anbetracht der Kürze der Inhaftierung nicht arbeiten muss, brauch ich mich dafür auch nicht dafür zurecht machen. Der Brotvorrat reicht vom Vortag, und Marmelade und Margarine bekommt man einmalig für geschätzt eine Woche. Der Aufschluss um 6 Uhr bedeutet, dass man sich im Gang bewegen kann, wenn man will. Um 7.30 Uhr wird die Zelle dann wieder verschlossen. Der Hofgang für die Nichtarbeiter ist von 8 Uhr bis 9 Uhr. Gestern hatte ich den mitgemacht, aber ohne lange Unterwäsche und ohne Wintermütze, nur mit der Kapuze des Parkas, war das ganz schön kalt draußen. Leider darf ich als Nichtarbeiter nicht nachmittags raus. Da ist es wärmer und heute Mittag kam sogar die Sonne raus.

Während der Mittagszeit gibt es nochmals eine Stunde Aufschluss und abends von 18 bis 20 Uhr ist die Zelle auch offen. In dieser Zeit wird das Abendessen verteilt, die Wäsche kann getauscht werden und es darf in einer Gemeinschaftsdusche geduscht werden. Im Aufenthaltsraum steht ein Fernseher, der wohl für gemeinsames Fußballschauen zur Verfügung steht, und es liegt ein Ringbuch mit verschiedenen Buchtiteln aus, die mensch auf Anfrage zum Lesen bestellen kann. Daraus darf mensch sich drei Bücher für eine Woche ausleihen. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen. Bücher von außen dürfen nicht in die Zelle, außer jene die bei einem vorgegebenen Verlag bestellt werden und für die man eine Paketmarke beantragen muss.

Um mir den Alltag abwechslungsreicher zu gestalten habe ich mir für ca. 25€ ein Fernsehgerät gemietet. Ich lerne gerade den Sender Arte mit seinen guten Dokumentationen und Phönix mit seinen politischen Beiträgen und Dikussionen schätzen. Heute wurde im Bayrischen Rundfunk eine Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayrischen Landtag übertragen, bei der weitestgehend die ganze AfD-Fraktion den Saal verließ, als eine Rednerin die bekannten Einstellungen der Partei zu dieser Vergangenheit darstellte. Gerade habe ich sogar die Muße für die Spiele der Handballweltmeisterschaft, für die ich mir sonst keine Zeit nehmen würde.

Heute Mittag hatte ich zwei sogenannte Eingangsgespräche. Zunächst sprach ich mit einer Sozialarbeiterin, die mich nach meiner persönlichen Wohn- und Lebenssituation vor und nach dem Knastaufenthalt fragte und ihre Unterstützung anbot. Anschließend wurde ich zu einer „Hauptverhandlung“ geladen, bei der zwei Polizeibeamte, ein Angesteller der Haftanstalt, ein Psychologe und eine Theologin anwesend waren. In einer lockeren Atmosphäre erkundigten sie sich, wie es mir die ersten zwei Tage erginge. Ihnen war der Grund meiner Inhaftierung über einen Zeitungsartikel der Allgäuer Zeitung bekannt. Ich hatte das Gefühl, dass die meisten verstanden hatten, warum ich hier bin und dass sie dem Ganzen sehr wohlwollend gegenüberstehen. Die Theologin lud mich ein, bei Bedarf auf ein Gespräch zu ihr zu kommen.

Überhaupt finde ich die Grundstimmung, zwischen den Wächtern und Gefangenen und den Gefangenen untereinander, sehr relaxed. Nach meiner bisherigen Wahrnehmung sind alle sehr hilfsbereit. Ich habe das Gefühl, dass die meisten die Einstellung haben: Wir Leben hier alle gezwungeren Maßen zusammen, machen aber das Beste draus. Arrogantes oder aggressives Verhalten ist mir bisher noch keines begegnet. Hoffentlich bleibt es dabei. Die meisten Menschen Lächeln, wenn ich ihnen erzähle, dass ich nur drei Wochen inhaftiert bin. Einer bemerkte, dass ich ja dann schon „morgen“ entlassen werde. So ist auch die Länge der Haft relativ.

Gestern und heute bekam ich mehrere Soli-Postkarten von Menschen aus der Widerstandsbewegung in Stuttgart. Neben den schönen Bildern und Wünschen finde ich auch die vorgedruckte Postkarte, die bei der Montagsdemo verteilt wurde, sehr gelungen. Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße,

Karl

 

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