Karls Knasttagebuch – Teil 3

Über Karls Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt Teil 3 – Kempten, den 28.01.19

Jetzt bin ich schon eine geschlagene Woche hier in meiner Zelle 20 in der JVA Kempten bin. Mir geht es den Umständen entsprechend recht gut. Mit Briefeschreiben, den Büchern aus der Bücherei und dem Fernseher, in dem ich die ganzen Wintersportereignisse, die Handball-WM, tolle Dokus bei Arte und interessante politische Berichte bei Phönix anschauen kann vergehen die Stunden recht schnell.

Durch den Fernseher bekomme ich die aktuelle Diskussion über den Kohleausstieg und die Grenzwertdiskussion der Feinstaubbelastung an stark befahrenen Straßen sehr gut mit. Ich frage mich dabei, was wohl gewesen wäre, wenn die Vertreter der Umweltbewegung den faulen Kompromiss nicht mitgetragen hätten. Ich denke, dadurch wäre klar geworden, dass dieses Ergebnis nicht im geringsten zu einem schnellen Bremsen des Klimawandels beiträgt, sondern vielmehr ein weiteres Einknicken vor den Interessen der Kohlekraftwerkbetreiber ist. Bei dieser Konsensentscheidung wäre ein Veto die richtige Entscheidung gewesen, immerhin ignoriert sie die Dringlichkeit eines sofortigen Ausstiegs – ein gravierender Grund, diese Entscheidung nicht mitzutragen. Mit ihrem Abnicken machen sich die VertreterInnen der Umweltgruppen eben nicht zu den VertreterInnen der aktiven Basisbewegung für einen Stopp des Klimawandels. Sie sind nicht legitimiert, für die Menschen, die Basis zu sprechen. Die Legitimation müssen sie von der Basis erst noch abholen, bzw. die Basis sollte Formen finden ihr Votum – so nicht! – zum Ausdruck zu bringen.

Es geht um vieles bei dieser Entscheidung, vor allem auch um gelebte Demokratie. Die Aktionen von Ende Gelände machen deutlich, dass sich viele Menschen nicht mehr von den politischen Vertretern repräsentiert fühlen und es notwendig finden, die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Auch die Wünsche der Jugendlichen bei den Freitagdemos für eine radikale Änderung der Klimapolitik unterstreichen dieses Sentiment. Es liegt also an den PolitikerInnen, sich von den Lobbyisten der Industrie frei zu machen und sich stattdessen mit den Sachargumenten auseinander zu setzen und diese ihren Entscheidungen zu Grunde legen. Solange die PolitikerInnen dies nicht tun, bleiben den aufgeklärten Menschen nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir belassen es beim Appell, geben die Verantwortung an irgendjemanden ab und lassen es damit laufen wie in den letzten Jahrzehnten, was ein „friedlich in die Katastrophe“ bedeutet. Oder aber die Menschen übernehmen selbst die Verantwortung, ihr Dasein und ihre Zukunft zu gestalten.

Lieber Gruß,

Karl

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