Karls Knasttagebuch – Teil 6

Über Karls Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt, Teil 7 – Kempten, den 31.01.19

Hallo ihr da draußen,

Gerade bin ich etwas genervt. Gestern wurde mir der Antrag für eine Mütze abgelehnt. Dem Sani erklärt ich, dass ich bei starker Kälte Kopfweh bekomme, weil ich mal eine leichte Hirnhautentzündung hatte und seitdem mit Kälte Probleme habe. Er äußerte sich damals schon sehr skeptisch, das könnte ja Schule machen, dann müssten ja alle eine Mütze bekommen. Was wäre so schlimm, wenn hier alle ca. 350 Menschen eine Mütze bekommen? Der Hofgang für meine Abteilung ist von 8 bis 9 Uhr. Da die Nächte in Kempten richtig kalt sind, ist es auch noch um die frühen Stunden noch sehr kelt. Handschuhe gibt es auch keine aber die Hände kann Mensch ja in die Parkatasche stecken. Das widerspricht der Empfehlung in der Hausordnung, dass zum Erhalt der Gesundheit der Hofgang in der frischen Luft für eine Stunde pro Tag dringend zu empfehlen ist.

Weiter ärgerte ich mich über die Ablehnung meines Antrags, meinen Sohn anrufen zu dürfen. Meine Mutter ist 91 Jahre alt und ich wollte wissen, wie es ihr geht. Das wird jedoch nicht als dringender Grund angesehen. Da spürt man die Abhängigkeit und das ausgeliefert sein. Gestern war ich bei der Gefängnispfarrerin zu Besuch, nachdem sie mich beim Eingangsgespräch eingeladen hatte. Sie hatte bestätigt, dass in Bayern das Telefonieren normal nicht erlaubt wird, nur bei einem sehr triftigen Grund.

Der Fernseher in meiner Zelle ermöglichte es mir, heute morgen die Gedenkstunde „vor 74 Jahren wurden die Menschen aus Auschwitz befreit“ im Bundestag mitzuerleben. Die Rede eines damals kleinen Kindes, Saul Friedländer, dessen Vater und Mutter in Auschwitz umgebracht wurden, ging unter die Haut. Das ging wohl vielen Abgeordneten ähnlich, denn die Stimmmung bei der anschließenden Sitzung zum Thema Kohlekommission war sehr ernst und achtsam. Erst als die AfD den Klimawandel leugnete und die Mensched diskreditierte, die sich diesem Thema über 8 Monate widmeten und eine Empfehlung an den Bundestag erstellten, begann es an manchen Stellen zu brodeln. Es tat richtig weh, aushalten zu müssen solche Verdrehungen, Ignoranz und die Verleumdungen der AfD aushalten zu müssen.

Da die meisten von euch diese Stunden der Diskussion sicher nicht verfälgen konnten, möchte ich euch ein paar Eindrücke und INfos weitergeben. Um das in Paris angestrebte Ziel die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, zu erreichen hat sich die BRD das Ziel gesetzt, bis 2020 die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40% zu senken. Aktuell stehen wir bei 17%. Damit hat die BRD ihr Klimaziel krachend verfehlt. All diese Versprechungen waren wahrscheinlich lauter Lügen, denn sie wussten, dass mit dem von ihnen nicht umgesetzten Maßnahmen ihr Ziel nie erreichen würden. Das zeichnete sich schon lange ab. Auch die jetztigen Versprechungen, bis 2030 den CO2-Wert um 55% zu reduzieren ist eine Luftnummer, wenn dem nicht radikale Schritte folgen.

Aktuell hat jede Bundesbürgerin im Schnitt einen CO2 Verbrauch von 10 Tonnen pro Jahr. Nach den Berechnungen der Klimaforscher dürfen wir weltweit im Schnitt höchstens 2 Tonnen pro Jahr ausstoße. Mit einem Kohleausstieg erst bis 2038 und mit energiefressenden Projekten wie Stuttgart 21 ist dies absolut nicht zu schaffen. Ein Drittel des gesamten CO2-Ausstoßes geht auf die Braunkohleverstomung. Bei innovativen politischen Rahmenbedingungen kann diese Menge an Strom relativ schnell mit Wind, Sonne & Wasser ersetzt werden. Dazu dürfen die Erneurbaren Energien, die für die Kohle- und Öllobyisten eine Konkurrenz ist, nicht mehr wie in den letzten 10 Jahren mit politischen Entscheidungen gebremst werden, sonder ein „Marshallplan“ für einen schnellen Ausbau der EE entworfen werden.

Das Kohlebaugebiet zwischen Köln und Aachen hat eine Fläche von 24 km² und ist 400m tief. Dort arbeiten zur Zeit 20 000 Menschen, 15 000 sind älter als 50 Jahre. In der Lausitz arbeiten zu Zeit ca. 8 000 Menschen in Kohleabbau und Verstumung. In Anbetracht der Tatsache, das momentan bei den Erneuerbaren Energien 125 000 Menschen arbeiten, dürfte es nicht unmöglich sein, mit einem wirklich innovativen Plan pro EE diese ca. 30 000 Menschen allein auf diesen großen Flächen beim renaturieren und Aufbau von EE in Arbeit zu bringen.

Ökonomisch müssten die 40 Milliarden Euro reichen neue, sozial verträgliche, regionale Arbeitsplätze zu schaffen. Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Weg. Diese Innovation wäre zukunftsweisend für eine EE-Industrie und könnte (ähnlich des von der BRD entwickelten Erneuerbare Energiegesetz) weltweit Nachahmer finden. Dazu müsste das Leitbild weg von einer marktorientierten Demokratie hin zu einer mitwelt-orientierten Demokratie entwickelt werden. Dabei steht das Gemeinwohl im Mittelpunkt, das neue Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Mutter Erde hervor bringt. In einer Zeit, in der schon der Permafrost auftaut und Unmengen von Methan freisetzt, müssen solche oder ähnliche Visionen endlich umgesetzt werden.

Liebe Grüße,
Karl

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