Karls Knasttagebuch – Teil 2

Über Karl’s Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt Teil 2 – Kempten, den 23.01.19

Hallo ihr,

Nun bin ich schon zwei Tage hier in der JVA – der Tagesablauf wird schon beinahe zur Normalität: Morgens um 6 Uhr wird mensch mit einem Öffnen der Tür und einem „Guten Morgen“ geweckt. Wer keinen frischen Kaffee möchte, darf dann im Zimmer auch noch eine Stunde weiterschlafen. Da ich in Anbetracht der Kürze der Inhaftierung nicht arbeiten muss, brauch ich mich dafür auch nicht dafür zurecht machen. Der Brotvorrat reicht vom Vortag, und Marmelade und Margarine bekommt man einmalig für geschätzt eine Woche. Der Aufschluss um 6 Uhr bedeutet, dass man sich im Gang bewegen kann, wenn man will. Um 7.30 Uhr wird die Zelle dann wieder verschlossen. Der Hofgang für die Nichtarbeiter ist von 8 Uhr bis 9 Uhr. Gestern hatte ich den mitgemacht, aber ohne lange Unterwäsche und ohne Wintermütze, nur mit der Kapuze des Parkas, war das ganz schön kalt draußen. Leider darf ich als Nichtarbeiter nicht nachmittags raus. Da ist es wärmer und heute Mittag kam sogar die Sonne raus.

Während der Mittagszeit gibt es nochmals eine Stunde Aufschluss und abends von 18 bis 20 Uhr ist die Zelle auch offen. In dieser Zeit wird das Abendessen verteilt, die Wäsche kann getauscht werden und es darf in einer Gemeinschaftsdusche geduscht werden. Im Aufenthaltsraum steht ein Fernseher, der wohl für gemeinsames Fußballschauen zur Verfügung steht, und es liegt ein Ringbuch mit verschiedenen Buchtiteln aus, die mensch auf Anfrage zum Lesen bestellen kann. Daraus darf mensch sich drei Bücher für eine Woche ausleihen. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen. Bücher von außen dürfen nicht in die Zelle, außer jene die bei einem vorgegebenen Verlag bestellt werden und für die man eine Paketmarke beantragen muss.

Um mir den Alltag abwechslungsreicher zu gestalten habe ich mir für ca. 25€ ein Fernsehgerät gemietet. Ich lerne gerade den Sender Arte mit seinen guten Dokumentationen und Phönix mit seinen politischen Beiträgen und Dikussionen schätzen. Heute wurde im Bayrischen Rundfunk eine Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayrischen Landtag übertragen, bei der weitestgehend die ganze AfD-Fraktion den Saal verließ, als eine Rednerin die bekannten Einstellungen der Partei zu dieser Vergangenheit darstellte. Gerade habe ich sogar die Muße für die Spiele der Handballweltmeisterschaft, für die ich mir sonst keine Zeit nehmen würde.

Heute Mittag hatte ich zwei sogenannte Eingangsgespräche. Zunächst sprach ich mit einer Sozialarbeiterin, die mich nach meiner persönlichen Wohn- und Lebenssituation vor und nach dem Knastaufenthalt fragte und ihre Unterstützung anbot. Anschließend wurde ich zu einer „Hauptverhandlung“ geladen, bei der zwei Polizeibeamte, ein Angesteller der Haftanstalt, ein Psychologe und eine Theologin anwesend waren. In einer lockeren Atmosphäre erkundigten sie sich, wie es mir die ersten zwei Tage erginge. Ihnen war der Grund meiner Inhaftierung über einen Zeitungsartikel der Allgäuer Zeitung bekannt. Ich hatte das Gefühl, dass die meisten verstanden hatten, warum ich hier bin und dass sie dem Ganzen sehr wohlwollend gegenüberstehen. Die Theologin lud mich ein, bei Bedarf auf ein Gespräch zu ihr zu kommen.

Überhaupt finde ich die Grundstimmung, zwischen den Wächtern und Gefangenen und den Gefangenen untereinander, sehr relaxed. Nach meiner bisherigen Wahrnehmung sind alle sehr hilfsbereit. Ich habe das Gefühl, dass die meisten die Einstellung haben: Wir Leben hier alle gezwungeren Maßen zusammen, machen aber das Beste draus. Arrogantes oder aggressives Verhalten ist mir bisher noch keines begegnet. Hoffentlich bleibt es dabei. Die meisten Menschen Lächeln, wenn ich ihnen erzähle, dass ich nur drei Wochen inhaftiert bin. Einer bemerkte, dass ich ja dann schon „morgen“ entlassen werde. So ist auch die Länge der Haft relativ.

Gestern und heute bekam ich mehrere Soli-Postkarten von Menschen aus der Widerstandsbewegung in Stuttgart. Neben den schönen Bildern und Wünschen finde ich auch die vorgedruckte Postkarte, die bei der Montagsdemo verteilt wurde, sehr gelungen. Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße,

Karl

 

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Karls Knasttagebuch – Teil 1

Über Karl’s Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt Teil 1 – Kempten, den 21.01.19

Hallo ihr da draußen – Hallo Herr oder Frau Sicherheitsbeauftragte,

Danke für die erfüllte Verabschiedung vor ein paar Stunden. Besonders schön fand ich ganz persönlich die Synthese aus den Menschen aus Stuttgart, mit ihren „Sträflingsanzügen“, den Menschen aus meiner seit einem Jahr neuen Heimat, der Gemeinschaft Sulzbrunn, und meinem Sohn.

In mehreren Beiträgen wurde umrissen, warum wir vor dem Knastgebäude der Justizvollzugsanstalt standen. Ernest Petek, einem Mitstreiter aus Stuttgart für den Kopfbahnhof und für eine zukunftsbejahende, enkeltaugliche Politik, haben wir solidarische Grüße gesandt. Falls ihr ihm Schreiben wollt, die Adresse ist JVA Stuttgart-Stammheim, Aspergerstr. 60, 70439 Stuttgart. Er kommt wahrscheinlich am Freitag raus. Er ist seit 8 Tagen für insgesamt 14 Tage in der JVA Stuttgart-Stammheim, weil er vor der Einfahrt zur Baustelle zu S21 zwei Tieflader auf der Straße sitzend blockierte. Bei dieser Versammlung, ohne Versammlungsleiter und ohne Anmeldung, trafen sich auf der einen Seite die aktionsorientierten Menschen, die sich seit 10 Jahren fast täglich mit Aktionen, Demos und Apellen gegen S21 und der Zerstörung der Lebensgrundlage wenden; auf der anderen Seite aber auch Menschen, die den Weg für ein friedliches, soziales und ökologisches Zusammenleben suchen und ihre gewonnen Erkenntnisse auch nach außen wirksam machen wollen. Dieser Zusammenschluss ist für mich gerade besonders spannend, er wächst wie eine Pflanze und bringt in der Zukunft hoffentlich viele Früchte – dazu aber ein andermal mehr.

Getragen von der für mich sowohl auf politischer als auch persönlicher Ebene sehr stimmigen Versammlung vor den Betonmauern der JVA (natürlich mit dem entsprechenden Sicherheitsabstand von 400m und Begleitung der Polizei – Mensch weiß ja nie!), ließ ich mich auf die Prozedur der Eingangsformalia ein: Entkleiden, komplett neues Einkleiden und dann die Zuweisung meiner eigenen One-Man-Suite. Das Einzelzimmer ist ca. 5m lang und 2m breit, mit Holzbett, Schreibtisch, Regal, Kleiderschrank und einer abgetrennten Klozelle. Fast wie ein Studentenzimmer, auf jeden Fall das Beste, das ich bisher kennengelernt habe. Der Blick ist so wie in vielen Knasträumen: eine riesen Wand mit Ziegelmuster. Wenn ich am Fenster um die Ecke schaue, kann ich tatsächlich einen Hauch von Bäumen und Natur erkennen.

Jetzt sitze ich nach dem Abendessen mit verschiedenen Sorten von Brot, ca. 250g Salami, die ich gleich weitergegeben habe, Margarine, Marmelade und Tee, in meinem Zimmer und schreibe den ersten Eintrag in mein Knasttagebuch. Die Tür ist offen, draußen laufen die Inhaftierten rum, meist gut gelaunt, manche duschen im gegenüberliegenden Duschraum. Gerade unterhalten sich die Inhaftierten draußen im Gang, wie das mit der Relation von Raum und Zeit so funktioniert – eigentlich eine sehr entspannte Atmosphäre. Halbschräg gegenüber wurde eine Küchenzeile eingerichtet, in der immer wieder mal jemand am Herd sein Abendessen kocht. Auch den ersten Arztbesuch, die Eingangsuntersuchung, habe ich schon hinter mir.

Die Besuchsregelung wurde mir ausgehändigt – mein Sohn Jannis (jannis.nie@gmail.com) wird das koordinieren. Ihr könnt euch gerne bei ihm melden. Auch den Antrag auf eine Paketmarke habe ich schon gestellt. Diese wird gebraucht um an ein Buch von außen zu kommen, da ich alle Bücher und Zeitschriften beim einchecken ablegen musste. Ich werde diese Marke nun an den Peter-Grohmann-Verlag nach Stuttgart schicken, der mir dann zwei Bücher zusenden darf. Das habe ich im Vorhinein schon abgeklärt. Ich bin dennoch gespannt, ob und wann das alles so klappt.

Eben wurde mir gesagt, dass meine Post über einen Sicherheitsbeauftragen geht, der das liest und kontrolliert. Habe ich so auch noch nie gehört, erinnert mich an andere Zeiten – mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, oder gibt es da mal wieder Ausnahmen? Oder wir sind eben einfach in Bayern. Rechtsstaatlich? Unrechtsstaatlich? Ich lass mich davon nicht einschüchtern und schreibe weiter das, was mir in den Sinn kommt. In diesem Sinne: Fortsetzung folgt.

Liebe Grüße,

Karl

P.S.: Falls ihr mir schreibt, legt doch bitte 2-3 Briefmarken je 70 Cent dazu, dann kann ich euch zurückschreiben.


Pressebericht: „Allgäuer Umweltaktivist muss ins Gefängnis – Mitstreiter bejubeln ihn“

„Seit Jahren nimmt Umweltaktivist Karl Braig aus Sulzberg an Demonstrationen teil – setzt sich unter anderem gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21″ zur Wehr. Seine Sitzblockaden und ähnliches haben ihm mehrere Bußgeldbescheide eingebracht. Und weil Braig die nicht zahlen will, muss er jetzt ins Gefängnis. In Kempten trat er – begleitet von etlichen Unterstützern – den Weg zur JVA an…“ Weiterlesen direkt bei der Allgäuer Zeitung online (externer Link).

Bericht: Karl tritt seine Haftstrafe unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ an!

„We are unstoppable, another world is possible“ – mit diesen Worten trat Karl gestern Mittag um 11:30 mit viel positiver Energie seine dreiwöchige Haftstrafe in der JVA Kempten an. Zuvor hatten ihn rund 15 Mitstreiter*innen und Freund*innen bis zur Knasttür begleitet und damit ihre Solidarität und Unterstützung bekundet.

Solidarische Selbst-kriminalisierung – Eine Gruppe von Häftlingen vor dem Kemptener Ostbahnhof

Gemeinsamer Protestzug zur JVA

Zur gemeinsamen Protestaktion trafen wir uns am Montag früh vor dem Kemptner Ostbahnhof. Auch die Polizei hatte von der Aktion Wind bekommen, erwartete uns bereits und komplettierte mit der lokalen Presse das Konvoi standesgemäß. So zogen wir mit Schildern und guter Laune durch den Kemptener Osten bis zur 2km entfernten Justizvollzugsanstalt. Einige interessierte Passanten konnten es nach lesen des Flyers selbst nicht glauben: „Und dafür kommt man in den Knast?“

Wie er in seiner Erklärung ausführlich erklärt, wurde Karl Braig wegen einiger Aktionen zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen verurteilt – 21 Tage davon möchte er nun absitzen um klar zu zeigen, dass er aus seiner Sicht nichts falsch gemacht hat.

Besonders schön war deshalb die rege Unterstützung der eigens dafür angereisten Delegation von Mitstreiterinnen aus Stuttgart. Aber auch eine große Gruppe der benachbarten Gemeinschaft Sulzbrunn, in der Karl seit gut einem Jahr wohnt, ließ es sich nicht nehmen Karl gebührend zu verabschieden und dabei klar zu formulieren: „Wir sind stolz, so jemanden in unserer Mitte zu haben.“

„Unnötiges, korruptes S21“

Am Knast angekommen, machte Ursel B. in einer kurzen Ansprache klar, welche Ungerechtigkeit eine solche Verhaftung im Kontext des Milliardengrabs Stuttgart 21 eigentlich darstellt: „Es sind sich heute alle einig, dass das Recht von denen da oben gebrochen wird, um das Projekt mit allen Mitteln durchzusetzen. Und die Justiz macht mit: Es gab x verschiedene Anzeigen gegen die Bahnchefs, die alle niedergeschlagen wurden. Auf der anderen Seite werden Leute wie Karl Braig, die aktiv aber friedlich im Widerstand sind kriminalisiert.“ Mit Karl und auch Ernest P., der momentan wegen ähnlicher Aktionen in der JVA Stammheim sitzt, haben sie damit Menschen im Gefängnis, die da nicht hingehören. Solche Missstände darf man sich nicht gefallen lassen, der Widerstand gegen die profitgetriebene Naturzerstörung muss und wird deshalb weitergehen.

Neue Visionen für ein anderes Leben

Auch in Karl’s Ansprache wurde klar, dass es um’s Ganze geht: Ob gegen sinnlose Großprojekte, klimaschädlichen Kohleabbau oder Agroindustrie – es gilt heute so sehr wie nie klar aufzuzeigen, dass wir diese alte Welt satt haben. Aktionen des gewaltfreien Widerstands, wie jene für die er nun einsitzen muss, seien absolut legitim und notwendig. Mindestens genauso wichtig sei es jedoch auch gemeinsam neue Visionen zu entwickeln, wie wir in einer anderen Gesellschaft mit Respekt für Tier, Natur und einem wirklich lebenswerten Leben für alle Menschen leben können – und diese konsequent umzusetzen.

Um Karl für seine Zeit Energie mitzugeben, sangen wir noch gemeinsam einige Lieder und umarmten ihn herzlich und mit guten Worten – sicherlich auch im Namen der vielen Menschen die heute nicht dabei sein konnten. Dann machte er sich sichtlich bestärkt auf den Weg Richtung Tür.

Wir sind gespannt, was Karl aus dem Knast zu berichten hat und freuen uns auf den ersten Brief aus dem Gefängnis.

Edit: Auch die Allgäuer Zeitung berichtet: https://allgaeu.life/videos_artikel,-allgaeuer-umweltaktivist-muss-ins-gefaengnis-mitstreiter-bejubeln-ihn-_arid,2330823.html?utm_source=all-in.de&utm_medium=linkbox

Wer Karl unterstützen will, überweist für einen Hafttag 17,- € auf ein Treuhandkonto seines Sohnes. Dann kann Karl den Tag seiner Entlassung selber bestimmen.
Verwendungszweck „ 1 Freitag für Karl Braig“
Kontoinhaber N. Niethammer
IBAN : DE35 4306 0967 7014 8393 01 BIC: GENODEM1GLS.

Postadresse: Karl Braig, Justizvollzugsanstalt Kempten, Reinhartserstr. 11, 87437 Kempten

Haftstrafen wegen Aktionen für „mehr Respekt für das Leben“

Mehr Respekt für das Leben, mehr Achtsamkeit für die Natur und für die Belange der Menschen veranlassten mich in den letzten Jahren zusammen mit vielen Mitstreiterinnen mehrere Protestaktionen gegen das Großprojekt Stuttgart 21 mit zu organisieren und daran teil zu nehmen.

Der Protest richtete sich gegen ein den Menschen aufgezwungenes, für die Menschen krankmachendes, für Millionen von Tieren und Pflanzen tödliches „Murksprojekt“.

Deshalb habe ich in den vergangenen Jahren an zahlreichen Protestaktionen gegen S21 teilgenommen. Aufgrund meiner Teilnahme an verschiedenen „Demonstrationen“ muss ich nun für insgesamt 72 Tage ins Gefängnis. Mein Haftantritt muss bis zum 21.01.2019 in der Justizvollzugsanstalt Kempten erfolgen.

Es geht um folgende Aktionen:

Aktion Trauerweide in Feuerbach (Bußgeld/Erzwingungshaft)

Im Herbst 2015 protestierten viele Menschen aus dem Raum Stuttgart, vor allem auch aus Stuttgart Feuerbach, gegen die Abholzung einer Trauerweide am Bahnhof Stuttgart Feuerbach aufgrund der Erweiterung der Baustelle Stuttgart 21.

Als von der DB die Abholzung auf den 3. Dezember angekündigt wurde, haben sich in aller Früh viele Menschen um die Trauerweide geschart und für den Erhalt demonstriert. Mit einem weiteren Mitstreiter bestieg ich die Trauerweide und weitere Menschen setzten sich zum Schutz davor. Polizeieinsatzkräfte sorgten dann für eine Räumung des Platzes vor der Trauerweide und im Baum. Als Folge dieses Bürgerinnenprotestes bekamen mehrere Mitstreiterinnen Bußgeldbescheide vom Amt für öffentliche „Un-Ordnung“ Stuttgart.

 

Drei weitere Aktionen gegen dem Weiterbau von S21 (Ersatzfreiheitsstrafe)

Die Haftstrafe von 70 Tagen resultiert aus einer Gesamtstrafe dreier Verfahren aufgrund Aktionen in den Jahren 2013 und 2015 gegen den Weiterbau von S21.

  1. Mahnwache im Stuttgarter Schlossgarten, 2013

Ein Jahr nach der schrecklichen Abholzung im Jahr 2012 von über 300 Platanen im Schlossgarten Stuttgart hielten wir mit vielen Menschen aus der Widerstandsbewegung eine Mahnwache auf dem Platz der Zerstörung ab. Wir mahnten hier für einen Wandel hin zu einer Kultur des Lebens, für mehr Respekt für das Leben der Tiere und Pflanzen und damit für eine Befriedung von uns Menschen mit der Natur. Die Teilnehmenden dieser Mahnwache wurden von der Staatsanwaltschaft Stuttgart mit Strafbefehlen bis zu 60 Tagessätzen kriminalisiert. Sowohl das Amtsgericht als auch das Landgericht Stuttgart bestätigten die Höhe der Strafen.

  1. Besetzung eines Baukrans auf der S21-Baustelle, 2013

Im Juli 2013 fand in Stuttgart ein Bündnistreffen der aufgezwungenen und unnützen Großprojekte Europas statt. Anlässlich dieses Treffens gab es eine Demonstration am Bauzaun der Baustelle von S21. Mehrere Mitstreiterinnen besetzten aus Protest gegen den Weiterbau von S21 einen Autokran. Auch diese Aktion wurde von der Staatsanwaltschaft Stuttgart in den Strafbefehlen mit hohen Tagessätzen abgestraft, die von den Gerichten bestätigt wurden.

  1. Sitzblockade an der S21-Baustelleinfahrt, 2015

Am 23.Juni 2015 wollten 2 Tieflader in die S21 Baustelle der Grundwassermanipulation in der Nähe vom Stuttgarter Hauptbahnhof einfahren. Wir setzten uns vor die Lkws als Zeichen unseres Protests und Widerstands. Diese Aktionen fanden regelmäßig an den Baustelleinfahrten statt, wurden von der Polizei geräumt und von der Staatsanwaltschaft mit Strafbefehlen geahndet.

 

Ein weiterer Mitstreiter gegen S21 ist in Haft

Ich habe diese Aktion mit mehreren Menschen der Widerstandsbewegung gegen S21 durchgeführt und bin mit Ernest Petek sowohl am Amtsgericht als auch am Landgericht Stuttgart zu je 20 Tagessätzen verurteilt worden. Ernest wurde am vergangenen Sonntagmittag, den 13.1.19, von der Polizei aus seiner Wohnung abgeholt und in die Hahnemannstraße 1, Polizeipräsidium, gebracht –  Ziel ist die JVA Rottenburg, wo er die 20 Tage Haft wegen Beteiligung an einer Demonstration absitzen muss.

 

Brokdorf-Urteil zählt nicht in Stuttgart

Aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts, dem sogenannten „Brokdorf-Urteil“, ist das Recht auf Protest in einer gut funktionierenden Demokratie ein sehr hohes Gut. Selbst Sitzblockaden, die auch ein starkes Zeichen der Störung mit sich bringen, sind demnach nicht strafbar. Obwohl demnach Sitzblockaden in einem politischen Streit als Mittel der Meinungskundgabe nicht als strafbar anzusehen sind, verurteilten die Stuttgarter Amts- und Landgerichte die Demonstrationsaktionen als Nötigung. Warum müssen wir in Stuttgart in Ausübung des Grundrechts auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit und Bußgelder bezahlen?

 

Protest für den Naturschutz aus tiefster Überzeugung

Mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt sehe ich auch mich als verantwortungsbewusster Mensch in der Pflicht, sich sinnlosen, Mensch und Natur schädigenden und verfassungswidrigen Bauvorhaben zu widersetzen. Es geht mir darum, meiner tiefen Überzeugung aktiv Ausdruck zu verleihen, dass wir auch ein anderes Verhältnis zur Natur entwickeln müssen, wenn wir zukunftsfähig werden wollen; nicht als Beherrscher der Natur, sondern als Partner. Deshalb wenden wir uns gegen Großprojekte wie S21, unterstützen den Kampf gegen einen Flughafenbau in Notre Dame de Nord in Frankreich und gegen den weiteren Abbau von Kohle, wie im Hambacher Forst und in der Lausitz, gegen Fracking zur Öl- und Gasgewinnung und vieles mehr. Es ist ein Kampf für eine friedlichere Welt, für Klimagerechtigkeit und für die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen.

Neben vielen anderen Mitteln des Protests und des Widerstands ist der zivile Ungehorsam ein Instrument, klare Zeichen für einen Wandel aufzuzeigen, in das zerstörerische System einzugreifen und zu beginnen, diesen Wandel auch zu leben. Noch ist es nicht zu spät dafür. Doch die Zeit drängt. Protestaktionen wie die meinen waren notwendig und werden weiter dringend notwendig bleiben.  Wir prangern die Kriminalisierung gegen den Protest an, lassen uns von unserm weiteren Widerstand aber nicht abhalten.

 

Spendenaktion „1 Freitag für K.“

Ich werde am Montag den 21.1.2019 die Haft bei der Justizvollzugsanstalt Kempten für 21 Tage antreten. Die restlichen 51 Tagen werde ich mich freikaufen lassen.

Der Tagessatz wurde im Landgerichtsurteil auf 17€ festgelegt. Unter dem Motto „1 Freitag für K.“, könnt Ihr euch an der Finanzierung der Resthafttage beteiligen: Treuhandkonto von meinem Sohn N. Niethammer

IBAN :  DE35 4306 0967 7014 8393 01  BIC: GENODEM1GLS.

Eventueller Überschuss wird für weitere Verfahren verwendet.

 

Tägliches Programm im Knast: Mediation für Solidarität und Umweltschutz

Ich werde mich jeden Morgen ab 7.30 Uhr in einer Meditation  mit  all den Menschen und deren Zielen  verbinden, die sich für Frieden unter den Menschen und Frieden mit der Natur einsetzen, z.B. mit Ernest Petetk, der wegen Protest gegen S21 in Knast in Rottenburg sitzt,  mit den Menschen bei den Mahnwachen gegen S21,  den Demonstrierenden bei den Montagsdemos gegen S21 und den Menschen im Hambacher Forst, u.a.

 

Mein Knasttagebuch

Unter „karlimknasthome.wordpress.com“, meinem Knasttagebuch, könnt ihr nachlesen, wie es mir in der Justizvollzugsanstalt in Kempten geht. Postadresse:  Karl Braig, Justizvollzugsanstalt Kempten, Reinhartserstr. 11, 87437 Kempten

 

Vielen Dank für Eure Solidarität

Karl Braig, Sulzberg