Brief an Ministerpräsident Kretschman – Karls Knasttagebuch Teil 7

Über Karls Knasttagebuch: Am 21.01.19 hat Karl Braig eine Ersatzfreiheitsstrafe von 21 Tagen unter dem Motto „mehr Respekt für das Leben“ in der JVA Kempten angetretet. Er war zuvor wegen diverser Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbau von S21 zu 70 Tagessätzen veruteilt worden. Hier veröffentlichen wir seine Gedanken und Erlebnisse, die er uns aus dem Gefängnis schickt.

Neues aus der Anstalt, Teil 6 – Kempten, den 02.02.19

Hallo ihr da draußen,

Mir geht es soweit gut. ab und zu steigt der Wunsch wieder draußen zu sein. Damit ich hier Abwechslung reinbekomme, beschäftige ich mich selber vielschichtig. Lange habe ich mir überlegt ob ich Angela Merkel und Winfried Kretschmann von der Haft und S21 schreiben soll – ob sie das überhaupt lesen? Heute ging die Post an beide raus. Schaden kann’s nie. Den Brief an Herrn Kretschmann habe ich angehängt.

Macht’s gut,
Karl

Brief an Ministerpräsident Kretschmann

Hallo Herr Ministerpräsident Kretschmann,

Zum 4. Mal bin ich jetzt schon im Gefängnis, weil ich gegen das Projekt S21 protestiert habe. Damals, als grüne Parteifreunde, leisteten wir vielleicht in Mutlangen, Heilbronn oder Großengstingen gemeinsam gewaltfreien Widerstand gegen die atomare Aufrüstung, indem wir uns vor die Tore der Kasernen setzten. Auch damals wurden wir zigfach durch alle Gerichte gereicht – bis hoch zum Bundesverfassungsgericht, wo wir Jahre lang verurteilt und über 50 Menschen ins Gefängnis gesteckt wurden.

Bis zu ihrer Benennung zum Ministerpräsidenten waren wir beide mit tausenden MitstreiterInnen auch gemeinsam auf den Straßen und Plätzen, um gegen dieses Projekt zu demonstrieren. Meine ersten 14 Tage Haft wegen Protest gegen S21 musste ich wegen der Besetzung des Nordflügels absitzen, der 10 Tage später dann abgerissen wurde -> Hausfriedensbruch?! Das Bundesverfassungsgericht hat die Klage damals leider nicht angenommen. Jetzt sitze ich meine 72 Tage ab, wobei ich ‚nur‘ 21 Tage hier im Gefängnis in Kempten sein werde, und mich für die restlichen Tage von solidarischen Menschen aus der Stuttgarter Widerstandsbewegung freikaufen lasse. 12 Tage habe ich schon hinter mir, 9 Tage noch vor mir. Von meinen Motivationen und Erlebnissen erfahren sie auf karlimknast.blog.home.

Warum schreibe ich Ihnen das?

So wie Sie bin ich fest davon überzeugt, dass das Projekt S21 in allen Bereichen ein ökologisch desaströses, verkehrstechnisch rückwärtsgewandtes, gefährliches und nicht mehr in unsere Zeit passendes Projekt ist. Ich denke, ich brauche ihnen die KO-Punkte von S21 nicht im Details darlegen. Diese haben Sie selbst vor Ihrer Wahl zum Ministerpräsidenten zu Genüge angeführt. Und alle Ihre negativen Prophezeiungen sind eingetreten. Lange haben wir uns noch aufgeregt, dass sie das Argument der Gültigkeit der Volksbefragung angeführt haben; aber mittlerweile machen Sie das wohl nicht mehr. Das ist gut so!

Als verantwortungsbewusster Vater von 2 Jungs, 26 und 23 Jahre alt, habe ich die Aufgabe mich dafür einzusetzen, eine Welt zu hinterlassen, in der sie auch nachhaltig leben können. Dieser Wunsch ist nach meiner jetzigen Wahrnehmung nicht mehr in allen Bereichen umsetzbar. Der Klimawandel schreitet zu stark vorwärts. Wir können nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Aber das sollten wir alle miteinander tun. Jetzt!

Mit dem Weiterbau von S21 verstärken wir die Reduktion des öffentlichen Nahverkehrs, verhindern wir den Umstieg der Güter auf die Schiene, verhindern wir den von der DB geplanten integralen Fahrplan in Stuttgart, der so wichtig ist und vergeuden Millionen von KW/h zur Produktion des benötigten Betons. Deshalb passt dieses Projekt nicht mehr in unsere Zeit, in der CO2 Reduktion, Ressourcenverringerung und Energieeinsparung ebenso essentiell sind wie ein verantwortlicher Umgang mit öffentlichen Geldern.

Dass ein Umstieg möglich und sinnvoll ist beweisen unsere Architekten und Ingenieure in ihrem Plan B. Sie sollten stolz sein: Welche Stadt hat schon so eine aktive Bürgerinnenbeteiligung in der Gestaltung ihres Lebensumfeldes wie Stuttgart im Zusammenhang mit K21? 450 Montagsdemos, 10 Jahre Mahnwache in einem Infopavillion vor dem Bahnhof, Tag und Nacht, Sommer wie Winter, Demos mit über 100000 Beteiligten, Besetzung von Süd- und Nordflügel des Bahnhofs, um deren Abriss zu verhindern, hunderte Sitzblockaden vor den Toren der Baustellen, die Schülerinnendemo mit 2000 Beteiligten am 30.9., die von der Polizei mit Einsatz von brutalster Gewalt aufgelöst wurde (es gab 400 Verletze auf  Seiten der Demonstranten), das Beschützen der Bäume im Schlossgarten und die Räumung von ca. 1500-2000 Menschen in der Nacht vom 15.2.2011, bei Schneetreiben morgens um 5 Uhr, und vieles mehr. Diese gewaltfreien Mittel müssen doch in einer Demokratie reichen, um gehört zu werden und die politischen Vertreterinnen zu überzeugen, eine derartige Fehlentscheidung endlich zu kippen. Es gab und gibt keinen vernünftigen Grund mehr weiterzubauen.

Wenn es in der politischen Diskussion noch um Argumente geht, könnte der Plan B der Schlüssel zur Wende sein. Ich weiß nicht, ob Sie diese Planungen im Detail kennen. Mein Wunsch wäre es, dass sie sich dem Weg der besten Lösung öffnen und ein öffentliches Hearing im Landtag oder einer anderen großen Halle organisieren und dass sie persönlich den Mut haben, sich für die Belange der Menschen, der Tiere und Pflanzen in Stuttgart einzusetzen.

Ich würde mich freuen, wenn sie mir antworten würden, ab 11.2. wieder unter: Karl Braig, Sulzbrunn 1, 87477 Sulzberg im Allgäu.

Mit hoffnungsvollen Grüßen,

Karl Braig

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