Reflektion über das Gefängnis (Nachtrag): Karls Knasttagebuch – Teil 8

JVA Kempten, 08.02.2019

Hallo ihr da draußen,

Dies wird hoffentlich der letzte Tagebucheintrag sein, den ich hier in der Zelle 20 schreiben werde. Für die vielen schönen Postkarten, die jetzt meinen Schreibplatz verschönern möchte ich mich sehr herzlich bei euch bedanken. Auch für die vielen Briefe und Briefmarken, ohne ich die Post nicht hätte beantworten können. Ich habe es geschafft alle Briefe und Postkarten zu beantworten, bei denen eine Adresse erkennbar war. So konnte ich auch mal wieder den persönlichen Kontakt pflegen, der sonst im
Alltag zu kurz kam. Da ich parallel noch viele Briefe beantwortet habe, mit ähnlichen Themen, kann es sein, dass ich Themenbereich doppelt aufgeführt habe, sorry.

Ein paar Eindrücke und Regelungen aus dem Alltag will ich euch heute noch schreiben. Das Mittagessen, ein Highlight des Tages, ist leider auch hier für Vegetarier nachteilig. Die „Kochkunst“ fokusiert sich auf die Fleischesser. Veganes Essen gibt es im Knast nicht. Da hilft nur Dauerfasten, viel Essen wieder zurückgeben oder unter den Inhaftierten verteilen. Ein ausgeglichener Speiseplan ist da nicht möglich. In den 3 Wochen gab es 4 Äpfel als Obstbeilage und 2 Mal eine Quarkobstspeise. Weiteres Obst muss Mensch über die Einkaufsliste beziehen, falls er Geld hat. Telefonieren ist nur in Ausnahmefällen möglich. In anderen Knästen wird den Inhaftierten ohne komplizierte Regelungen das Telefonieren ermöglicht. Für den Fernseher wird monatlich ca 20.-€ für die Miete vom Eingangsgeld abgebucht.

Die Besuchsmodalitäten sind besonders kompliziert. Der Inhaftierte muss alle potenzielle Besucherinnen in Form eines Antragformulars mit Adresse und Geburtsdatum melden. Diese Information bekam ich erst im Knast, obwohl ich mich vorher schon mal telefonisch danach erkundigt hatte. Damit war es nur einer Person ermöglicht gewesen, rechtzeitig alle Daten der JVA zu vermitteln. Bei anderen JVAs können sich die Interessierten einfach von außen anmelden und einen Termin geben lassen. Warum gerade die Angestellten bei der Besuchsabwicklung, in diesem Fall waren es Frauen, so überkorrekt, schroff und befehlgebend unterwegs waren, bleibt mir ein Rätsel. Es kommt mir so vor, als würde den Häftlingen das Besuchsrecht nicht wirklich gegönnt.

An Werktagen ist der Hofgang für die Nichtarbeiter von 8 – 9 Uhr. Da kann es im Winter noch richtig kalt sein. Ohne Mütze und ohne Handschuhe kommt Mensch doch mal zum Frieren. Da es keine Mützen und Handschuhe gibt, bleiben manche Inhaftierte in ihren Zellen. Laut einer Broschüre, die in jeder Zelle ausliegt, sollten die Inhaftieren zur Aufrechterhaltung der Gesundheit an dem Hofgang teilnehmen. Je nach Haftart gelten verschiedene Rahmenbedingungen. Bei der Untersuchungshaft, die 6 und mehr Monate dauern kann, gibt es große Einschränkungen im Bereich der Besuchsregelung, Einzelhaft, Hofgang und Einkaufsmöglichkeiten. In dieser Zeit, wo die Strafttat noch überhaupt nicht bewiesen ist und nur ein Verdacht besteht, müssen die Inhaftierten mit diesen noch gravierenden Einschränkungen leben und das über Monate. Das geht gar nicht.

Eine Mitstreiterin aus dem Hambacher Forst wird schon seit 4 Monaten wegen Verdacht auf Widerstand gegen die Staatgewalt in der U-Haft festgehalten. Am letzen Montag hatte sie eine Verhandlung, die wieder verschoben wurde. Welche nachhaltige Schäden werden mit solchen Maßnahmen bei den betroffenen Menschen verursacht? Sie fühlen sich misshandelt, der Staatsgewalt ausgeliefert, es entsteht Wut. Falls es mal zu einer Überreaktion kommt, gibt es eine weitere verschärfte Haftbedingung, die Haft im „Bunker“. Das ist eine Zelle, so wie mensch sie aus den alten Spielfilmen kennt: Ein kahler Raum mit Metalliege, Metalklo. Diese Info habe ich von einem Mitgefangenen, der schon mal in so einer Zelle war. Es tut mir weh, wie menschenunwürdig heute noch mit Gefangenen umgegangen wird. Trotz dem eigentlich geltenden Grundsatz “ im Zweifelsfall für den Angeklagten“ wird sogar mit verschäften Massnahmen Fakten geschaffen.

Weiter stellt sich die Frage, was mit solchen Mitteln denn erreicht werden kann. Ein Gefängnispfarrer vertrat mir gegenüber einmal die Einschätzung, dass fast alle Häftlinge in Knästen am falschen Ort sind. Haftstrafen seien dem Ziel einer sinnvollen, nachhaltigen Wiedergutmachung und Engliederung in die Gesellschaft nicht dienlich. Was passiert in den Menschen, die ein, fünf oder mehr Jahre in Gefängnissen eingeschlossen werden? Ihnen wird das ein konstruktives Denken ab-erzogen, die starren Rahmenbedingungen erlauben keine Kreativität. Sie werden gleichgültig, leben einfach so in den Tag hinein, versuchen nie aufzufallen und anzuecken. Und doch merkt man manchen Menschen an, wie sie mit sich kämpfen, den Groll und die Wut nicht hochkommen zu lassen, manchmal frustiert sind.

Bei manchen Gesprächen mit Inhaftierten, die schon öfters im Knast waren, kam die Aussage, dass draußen keine Freunde mehr warten, vielleicht nicht mal mehr das Elternhaus und sie von der Gesellschaft stigmatisiert werden. Auch die staatlichen Wiedereingliederungsmaßnahmen sind nich nachhaltig genug es zu ermöglichen, mit der anderen Welt wieder klar zu kommen. Mir hat jemand erzählt, dass er jemand kennt, der mittlerweile 65 Jahre alt ist und freiwillig wieder in den Knast gegangen ist, weil er draußen nicht weiß, was er machen soll. Erfundene Geschichte? Vielleicht – vielleicht auch nicht – Geht es beim unserm jetzigen Strafvollzug
wirklich um eine Wiedereingliederung? Mir scheint das nicht so zu sein. Vielleicht geht es einfach nur darum, zu denen da draußen zu gehören, den Guten. Und drinnen sind die Bösen, die man bestrafen muss und wegsperren, egal ob es sinnvoll ist oder nicht.

Dazu braucht die Gesellschaft Richterinnen, die diese Einstellung mittragen vielleicht sogar überzeugt sind, dass dies der einzig richtige Weg ist. Nach den Gesprächen mit den Mitgefangenen wage ich das sehr stark zu bezweifeln. Wie schnell Richterinnen zu beinflussen sind, haben wir bei den vielen politischen Prozessen, wie zum Beispiel im Zusammenhang mit Stuttgart 21, gelernt. Wie oft haben wir uns dabei die Frage gestellt, warum Richterinnen so blind und voreingenommen ihre Urteile fällen. Die Verurteilungen schienen schon vor dem Beginn der Verhandlung für sie festgeschrieben. Es wurde bald deutlich, dass die Justiz eben nicht frei ihn ihren Entscheidungen ist sondern von vorgefertigten Bildern und Absichten geleitet werden. Diese Bilder werden von den Lobbyisten der Betreiber von S21 gemalt, über die politische Schiene des Staatsanwalts in die Gerichte getragen und von den Richterinnen ohne Reflektion übernommen. Das sind meine persönlichen Erfahrungen, gesammelt als Begleiter und Angeklagter bei vielen politischen Prozessen. Gern lasse ich mich von anderen Entwicklungen überzeugen, aber ich sehe sie nicht.

Liebe Grüße,
Karl

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